Grosse Fragen stehen im Zentrum der neuen Serie des «Breaking Bad»-Machers Vince Gilligan. In «Pluribus» stellt sich die griesgrämige Schriftstellerin Carol gegen das vermeintliche Glück der gesamten Menschheit, die von einem rätselhaften ausserirdischen Einfluss erfasst wurde. Carol ist immun geblieben, verweigert sich der neuen Harmonie und wird damit zur unbequemen Ausnahme in einer Welt, die Einigkeit verspricht.
«Breaking Bad» (2008–2013) gilt als eine der besten Serien überhaupt. Entsprechend hoch sind Aufmerksamkeit und Erwartungen, wenn sich Macher Vince Gilligan einer neuen Serie widmet – umso mehr, wenn es sich weder um ein Sequel noch um ein Prequel noch um eine Nebengeschichte eines bestehenden Franchises handelt, sondern um eine komplett neue Erzählung. Solche Stoffe sind selten geworden. Apple TV hat in den letzten Jahren aber mehrfach bewiesen – etwa mit «Severance» (2022– ) –, dass sie originelle Serien können. Die Vorschusslorbeeren nach der ersten Folge «Pluribus» fielen entsprechend überschwänglich aus. Tiefstapeln geht anders.
«Pluribus» spielt, wie schon «Breaking Bad», in Albuquerque. Im Zentrum steht die vergrämte Schriftstellerin Carol (Rhea Seehorn). Sie erlebt, wie die Menschheit von unbekannten ausserirdischen Signalen befallen wird, während sie selber und elf weitere Personen verschont bleiben. Fortan lebt der Rest der Welt in einer kollektiven Symbiose, telepathisch verbunden, mit vereintem Wissen und angeblich glücklicher als je zuvor. Eine riesige, harmonische Gemeinschaft – kein Krieg, kein Hass, kein Leid, alles wundervoll. Oder?

Rhea Seehorn in «Pluribus» / © 2026 Apple Inc. All rights reserved
Wer davon ausgehend klassische Science-Fiction erwartet, wird enttäuscht. Die Serie nutzt ihre Prämisse weniger zur Aufklärung des Mysteriums als zur Suche nach philosophischen Antworten. Die grosse Frage steht früh im Raum: Ist das Individuum bedeutender als das Wohl der Gemeinschaft? Carol verweigert sich dieser vermeintlichen Harmonie – und wirkt damit in der ersten Hälfte der Staffel zunächst anstrengend. Das liegt weniger am Schauspiel von Rhea Seehorn («Better Call Saul») als an der argwöhnischen, abweisenden Art der Figur. Seehorn verkörpert Carol präzise und entwickelt sie im Verlauf der Serie in feinen, fliessenden Nuancen weiter. Gerade in den ruhigen, nachdenklichen und verletzlichen Momenten zeigt die Schauspielerin ihre Stärke.
«Die grosse Frage steht früh im Raum: Ist das Individuum bedeutender als das Wohl der Gemeinschaft?»
An ihrer Seite steht Karolina Wydra («True Blood») als Zosia, eine Gesandte der neuen Gemeinschaft. Was von grossem Misstrauen geprägt beginnt, entwickelt sich zu einer zunehmend intimen Beziehung. Über Zosia webt Gilligan weitere Themen in die Serie ein: Verlust, Vertrauen, Einsamkeit, Nähe, Verantwortung und die Frage nach dem Glück. Diese Metaebenen richten sich nicht nur an Carol, sondern öffnen sich direkt auch für das Publikum.

Carlos-Manuel Vesga in «Pluribus» / © 2026 Apple Inc. All rights reserved
Die Serie mutet sich aber auch zu, Antworten zu liefern. Einsamkeit ist in «Pluribus» kein Mangel, sondern eine Entscheidung. Carol bleibt allein in einer Welt, die sich kollektiv für glücklich erklärt hat. Während alle anderen in einer permanenten Nähe aufgehen, behält sie etwas, das zunehmend wie ein Anachronismus wirkt: Zweifel. Die neue Gemeinschaft bietet Wissen und Harmonie; was sie nicht kennt, ist Reibung. Carol zahlt für diese Verweigerung einen hohen Preis: Sie bleibt ausgeschlossen, unverstanden, oft auch unerträglich. Doch gerade in dieser Einsamkeit verteidigt sie das Recht, nicht im Wir aufzugehen. Daraus entwickelt sich keine Heldinnengeschichte; es ist eher ein stiller, unbequemer Widerstand gegen eine Utopie, die Glück verspricht, aber Individualität kostet. Die Beziehung zu Zosia beginnt, Carols Abblocken aufzubrechen, wird aber immer wieder auf die Probe gestellt.
«Einsamkeit ist in ‹Pluribus› kein Mangel, sondern eine Entscheidung.»
Die Serie findet für diese Erzählung starke Bilder: Grossartige Kameraeinstellungen und reduzierte Szenenbilder – etwa des völlig verlassenen Las-Vegas-Strips – spiegeln die Leere hinter der vermeintlich perfekten Gesellschaft. Gleichzeitig entlarvt dieses Bild den überflüssigen Konsumrausch und die permanente Reizüberflutung der realen Welt als mindestens ebenso fragwürdige Glücksversprechen.
Was stark beginnt, verliert im Verlauf der Staffel aber spürbar an Zugkraft. «Pluribus» nimmt sich viel Zeit für psychologische Beobachtungen, für innere Zustände, für leise Verschiebungen zwischen Nähe und Distanz. Das ist konsequent und in vielen Momenten auch lohnend. Gleichzeitig ist die grösste Stärke der Serie aber auch ihre grösste Schwäche: Die Zurückhaltung erfordert Geduld – mehr Geduld, als die Dramaturgie hergeben kann.

Rhea Seehorn und Karolina Wydra in «Pluribus» / © 2026 Apple Inc. All rights reserved
An das zentrale Mysterium tastet sich die Serie nur schrittweise heran. Die psychologischen Ausführungen verstricken sich dabei zunehmend in sich selbst. Einzelne Episoden wirken weniger wie Fortschritt denn wie Verzögerung. So wird eine ganze Folge damit verbracht, Carol dabei zuzusehen, wie sie zu einer Person reist, um ihr etwas Entscheidendes zu sagen – nur um festzustellen, dass dieses Wissen längst vorhanden ist.
«Das offene Finale ist in dieser Hinsicht folgerichtig und frustrierend zugleich.»
Das offene Finale ist in dieser Hinsicht folgerichtig und frustrierend zugleich. Es passt zur Weigerung der Serie, einfache Auflösungen zu liefern, wirkt aber auch wie eine bewusste Vertagung auf die bereits bestätigte zweite Staffel. In einer Zeit, in der Serien auf den Streaming-Plattformen zunehmend auf Verlängerungen angelegt sind, hinterlässt das einen schalen Beigeschmack. Am Ende lässt uns «Pluribus» zurück, wie Carol selbst: neugierig, aber verstimmt.
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Serienfakten: «Pluribus» / Creator: Vince Gilligan / Mit: Rhea Seehorn, Karolina Wydra, Carlos-Manuel Vesga, Miriam Shor, Samba Schutte / USA / 9 Episoden à 43–63 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Apple Inc.
«Pluribus» ist keine klassische Science-Fiction, sondern hinterfragt – ganz langsam – die Gesellschaft und das Versprechen kollektiven Glücks.











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