In Sokcho, einer kleinen Küstenstadt in Südkorea, führt die 23-jährige Soo-ha ein routiniertes Leben zwischen ihrer Arbeit in einer kleinen Pension und der Beziehung zu ihrem Freund und ihrer Mutter. Ihr ruhiges Leben gerät in «Hiver à Sokcho» aber aus den Fugen, als ein französischer Comiczeichner mitten im Winter ein Zimmer mietet und in ihr Erinnerungen an ihren unbekannten Vater aus Frankreich weckt.
Der Winter in Sokcho betäubt nicht nur die Stadt, er legt auch eine isolierende Atmosphäre über die Menschen, die dort leben. Soo-ha (Bella Kim) hüllt sich in XL-Pullover und versteckt ihr Gesicht hinter einer grossen Brille, um von ihrem Körper abzulenken. Für eine Koreanerin zu gross gewachsen, träumt sie davon, nach Paris zu gehen, um ihren europäischen Wurzeln näherzukommen. Die Sprache beherrscht sie bereits, aber lösen kann sie sich aus ihrem Städtchen nicht.
Selbst ihr Freund Joon-oh (Gong Doyu) kann sie nicht dafür begeistern, mit ihm nach Seoul zu gehen, wo er seine Modelkarriere vorantreiben will – ein Karriereplan, für den er auch einige operative Eingriffe in Kauf nehmen möchte, um seinen Körper zu optimieren. Auch für Soo-Ha hätte er einige Ideen, was chirurgisch aus ihr herauszuholen wäre. Damit nicht genug: Die Pension des alten Herrn Park (Ryu Tae-ho), wo Soo-ha arbeitet, scheint bei Gästen, die gerade eine Schönheitsoperation hinter sich haben, ein beliebter Erholungsort zu sein.
Als eines Tages der Zeichner Yan Kerrand (Roschdy Zem) im Gästehaus auftaucht und sich nicht verständigen kann, sind Soo-has Französischkenntnisse gefragt – und die Handlung nimmt ihren Lauf. Soo-ha hält anfangs nicht viel von der europäischen Direktheit des Gastes und teilt ihm ein schäbiges Zimmer in einem Nebengebäude zu, das er überraschend dankbar annimmt. Warum sich Kerrand auf unbestimmte Zeit ausgerechnet im Sokcho der Nebensaison niederlässt, bleibt sein Geheimnis. Sicher ist nur, dass ihm die Inspiration zum Zeichnen abhandengekommen ist und er verbissen danach sucht.

Bella Kim in «Hiver à Sokcho» / © Frenetic Films AG
Mit Soo-has Hilfe erkundet er die Gegend und die Geschichten, die sie erzählt, wo sich so manche Wolken in fantastische Tiere verwandeln. Die Darstellung der Landschaft um Sokcho nimmt schon fast eine eigene Rolle im Film ein, während Kerrands Sichtweise auf diese Welt als Künstler in Soo-ha Fragen über ihre Herkunft und kulturelle Identität aufwirft. Die Geschichte entfaltet sich langsam, bis ein feines Band diese zwei Menschen kaum sichtbar zu verbinden scheint.
Soo-has Mutter (Park Mi-Hyeon) hält sich indes zurück mit Informationen zum leiblichen Vater – um ihre Tochter zu beschützen, wie sie sagt. Lieber bringt sie ihr die Kunst des Kochens bei, etwa wie man einen «Fugu»-Kugelfisch so zubereitet, dass man nicht den Vergiftungstod stirbt. Verloren zwischen den Identitäten, scheint Kochen für Soo-ha tatsächlich ein Mittel des Ausdrucks und des Trostes zu sein, ein Weg, um nicht von den Erwartungshaltungen ihres Umfeldes erdrückt zu werden.
«Diese melancholische Stimmung und innere Zerrissenheit werden durch eingespielte Animationen verstärkt, die der Gefühlswelt der Hauptfigur mehr Sichtbarkeit verleiht.»
Diese melancholische Stimmung und innere Zerrissenheit werden durch eingespielte Animationen verstärkt, die der Gefühlswelt der Hauptfigur mehr Sichtbarkeit verleiht. Sieht sie in Kerrand eine Vaterfigur oder hat sie sich in ihn verliebt? Als sie das herauszufinden versucht, weist er sie entrüstet zurück; Soo-ha verliert sich in einer Essattacke, bis sie erbricht. Die inneren Konflikte der jungen Frau werden für einmal nach aussen gekehrt.

Roschdy Zem in «Hiver à Sokcho» / © Frenetic Films AG
«Ein atmosphärischer Film, der mit seiner ruhigen Erzählweise und eindrucksvollen Bildsprache besticht.»
«Hiver à Sokcho» ist ein atmosphärischer Film, der mit seiner ruhigen Erzählweise und eindrucksvollen Bildsprache besticht. Die Protagonist*innen liefern authentische und zurückhaltende Leistungen und setzen auf kleine, subtile Momente. Das kann stellenweise etwas zäh wirken, da die dramatischen Höhepunkte ausbleiben und eine Lücke in der Erzählung das Ende des Filmes offenlässt. Wer aber die gleichnamige Romanvorlage von Elisa Shua Dusapin von 2016 gelesen hat, wird mit einer nachdenklichen und visuell ansprechenden Adaption belohnt.
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Kinostart Deutschschweiz: 29.1.2026
Filmfakten: «Hiver à Sokcho» / Regie: Koya Kamura / Mit: Bella Kim, Roschdy Zem, Park Mi-hyeon, Ryu Tae-ho, Gong Doyu / Frankreich / 105 Minuten
Bild-und Trailerquelle: Frenetic Films AG
In Koya Kamuras «Hiver à Sokcho» zwingt der Winter eine junge Frau dazu, zu sich selbst zu finden – ohne Drama, dafür mit eindrücklichen Bildern, die auf den Frühling hoffen lassen.











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