Was ist das Geheimnis des Singens? Und was macht es so kraftvoll und verbindend? Die Zürcher Regisseurin Anka Schmid erkundet in «Melodie», wie vielfältig und heilsam das Glück des Singens ist.
Die tröstende Wirkung des Singens kennen wir von Geburt an, und sie wird einem spätestens dann wieder in Erinnerung gerufen, wenn man irgendwo die Melodie des Einschlafliedchens hört, mit dem man von den eigenen Eltern einst in den Schlaf gesungen wurde – oder wenn man es ihnen gleichtut, um den eigenen Kindern, Enkel*innen oder Patenkindern eine gute Nacht zu bescheren.
Der Beginn des Lebens steht denn auch am Anfang von «Melodie» von Anka Schmid («Wild Women – Gentle Beasts»). In einer Abteilung für Frühgeborene wird die heilende Wirkung der Musik zelebriert, während am Ende der Dokumentation die letzte Klagefrau Griechenlands um die Verstorbenen weint und im Gesang Trost findet – ein Brauch, der zu verschwindet droht. Die alte Frau fragt zu Recht, wer denn sie beklagen wird, wenn sie einmal stirbt.

© Frenetic Films AG
Dazwischen werden die unterschiedlichen Biografien und Kulturen sanft miteinander verknüpft. So entsteht in «Melodie» ein authentisches Klangporträt von Ritualen, Zugehörigkeit und Widerstand. Die Lehrerin Joanna Kora etwa wandelt ihre persönliche Erfahrung aus der Black-Lives-Matter-Bewegung in Gesang um begeistert mit ihrem Chor GoAndSing Menschen, die nach Hoffnung suchen. Anderswo begegnet man traditionellen Männer- und Frauenchören, Fussballfans die einander nicht kennen, aber trotzdem gemeinsam die Vereinshymne singen, den Frauen, die mit Sprechgesang zum Rhythmus der Trommeln kämpferisch an die Demo gehen, und auch den Schwestern des Klosters Fahr bei Zürich, die Gott mit rituellen Gesängen lobpreisen.
In tiefer Tradition verwurzelt, singt indes eine kurdische Flüchtlingsfamilie mit und für ihr Kind, damit es die Kultur der Eltern kennenlernt, auch wenn es sein Heimatland, das es offiziell nicht einmal gibt, gar nicht kennt. Ilyas Soyal sass viele Jahre im Gefängnis und überlebte, weil er still Liebeslieder an seine Frau Hülya richtete. Sennerin Mina Inauen wiederum pflegt die abendliche Gesangstradition auf der Alp im Appenzell, um sich und ihre Kühe mit dem Alpsegen zu beschützen, während die Tessiner Rapperin Natalia Beretta (Künstlerinnenname: Jhon Riot) die junge Musik- und Clubszene repräsentiert und die fehlende Unterstützung für Jugendkultur, aber auch ihre tiefe Verbundenheit zu ihrer Heimatstadt Lugano thematisiert. Alle diese Menschen verbindet die Kraft des Gesangs.

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Selbst der Ton in dieser Dokumentation ist authentisch. Die Stimmen, das Atmen, die Pausen werden unverändert transportiert. Auf tontechnische Veredelung wird verzichtet, und das macht das Vollkommene in der Unvollkommenheit so nahbar und echt. Im Hier und Jetzt, in einer Zeit der Krisen und der Entfremdung kann Singen Stabilität und Zuversicht bedeuten. Anka Schmid machte diese Erfahrung während der Sterbebegleitung ihres Vaters. Aus dieser Erfahrung heraus beschert sie uns einen wunderbaren, lehrreichen, kraftvollen und unterhaltsamen Film, getragen von der Leidenschaft des Singens.
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Kinostart Deutschschweiz: 5.3.2026
Filmfakten: «Melodie» / Regie: Anka Schmid / Schweiz / 86 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Frenetic Films AG
Der bewegende Schweizer Musik-Dokumentarfilm «Melodie» von Anka Schmid zeigt, wie Gesang verbindet, tröstet und glücklich macht.











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