Brasilien in den Siebzigerjahren, ein Land geprägt von Gewalt und Korruption: Während die Medien über ein mysteriöses Bein aus dem Magen eines sezierten Hais rätseln, versucht ein von Killern gejagter Mann, für sich und seinen Sohn die Flucht aus der Diktatur zu organisieren.
1977 befindet sich Brasilien im Würgegriff einer brutalen Militärdiktatur. Gewalt und Korruption stehen an der Tagesordnung. Während sich das Land auf den kommenden Karneval vorbereitet, erreicht unter dem Decknamen Marcelo ein Mann (Wagner Moura) die Küstenstadt Recife, wo er bereits von der alten Dona Sebastiana (Tânia Maria) erwartet wird. Bei ihr finden Verfolgte aus dem ganzen Land Unterschlupf – so auch Marcelo.
Zur selben Zeit sorgen gleich zwei Haie für Furore: Im Kino läuft Steven Spielbergs «Jaws» (1975) an und versetzt das Publikum in Panik, während an einer Universität im Magen eines echten Hais ein mysteriöses Bein gefunden wird, für das sich nicht nur die Sensationspresse, sondern auch der schmierige Polizeichef Euclides (Robério Diógenes) interessiert.
Mit einer Tarnidentität als Beamter nimmt Marcelo Kontakt zu den Eltern seiner verstorbenen Ehefrau auf, bei denen sein Sohn Fernando (Enzo Nunes) lebt. Der Grossvater des Jungen (Carlos Francisco) arbeitet als Filmvorführer im legendären Cinema São Luiz. Mit seiner Hilfe plant Marcelo für sich und seinen Sohn die Flucht aus dem Land. Ihm auf den Fersen sind derweil die ungleichen Auftragsmörder Augusto (Roney Villela) und Bobbi (Gabriel Leone).

Wagner Moura in «The Secret Agent» / © trigon-film
Man darf sich vom Titel nicht täuschen lassen. Weder handelt es sich bei «The Secret Agent» um einen waschechten Spionagefilm noch um einen Actionthriller. Vielmehr ist Kleber Mendonça Filhos Film die ungemein atmosphärische Bestandsaufnahme eines Landes, in dem die Menschen in stetiger Anspannung und Unsicherheit leben, in dem der Staatsapparat und die Polizei nicht für Sicherheit sorgen, sondern eine ständige Bedrohung darstellen. Eine unberechenbare Welt, in der sich die latente Anspannung jederzeit in plötzlichen Gewaltausbrüchen entladen kann.
Die Geschichte um das Schicksal seines Protagonisten entfaltet der Regisseur von «Aquarius» (2016) und «Bacurau» (2019) nur ganz behutsam. Erst nach und nach erfährt das Publikum, warum sich dieser Mann unter einem Decknamen bei der alten Dona Sebastiana versteckt hält, wovor er sich eigentlich fürchtet und wer er wirklich ist. Immer wieder springt der Film dabei zwischen verschiedenen Erzählsträngen hin und her. In den oft episodisch gestalteten Passagen jongliert «The Secret Agent» gekonnt mit scheinbar beiläufigen Alltagsbetrachtungen, satirischen Überzeichnungen, Versatzstücken aus dem Genrekino und surrealen Sequenzen.
«In den oft episodisch gestalteten Passagen jongliert ‹The Secret Agent› gekonnt mit scheinbar beiläufigen Alltagsbetrachtungen, satirischen Überzeichnungen, Versatzstücken aus dem Genrekino und surrealen Sequenzen.»
Besonders eindrücklich ist die Episode um den deutschen Schneider Hans (Udo Kier), nicht zuletzt, weil sie Kiers letzten Kinoauftritt vor seinem Tod im November 2025 markiert. Kier spielt den im Zweiten Weltkrieg verwundeten Soldaten mit stiller Zurückhaltung – stolz, verletzlich und zornig zugleich. Eine Figur, die sich jeder Eindeutigkeit entzieht und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt.
Allerdings machen die vielen Sprünge zwischen den Erzählsträngen den Film stellenweise etwas sperrig. Bei einer Laufzeit von über zweieinhalb Stunden werden möglicherweise nicht alle im Publikum die Geduld aufbringen, sich auf den eigenwilligen Rhythmus und die abrupten Tonfallwechsel einzulassen.

«The Secret Agent» / © trigon-film
Die Inszenierung unterstreicht die langsame Erzählweise mit langen Einstellungen, die der leise bedrohlichen Atmosphäre ihren Wirkungsraum geben. Mit präzisen Bildkompositionen fängt die russisch-französische Kamerafrau Evgenia Alexandrova den visuellen Stil jener Ära stimmungsvoll ein und kontrastiert die düstere Geschichte von Repression und Gewalt mit hellen, satten Farben. Nicht zuletzt trägt auch die gelungene Ausstattung mit ihrer Retroästhetik zur Stimmung bei.
«Mendonças Drehbuch gelingt wiederum das Kunststück, selbst Nebenfiguren so geschickt einzuflechten, dass sie nie zu blossen Statist*innen verkommen.»
Schauspielerisch weiss Hauptdarsteller Wagner Moura («Narcos») den Film mit einer ruhigen Präsenz zu tragen. Es gelingt ihm stets die richtige Balance zwischen stoischer Zurückhaltung und einer Öffnung hin zur eigentlichen Identifikationsfigur für das Publikum. Dank eines ungewöhnlichen Erzählkniffs darf er im letzten Akt seinen Facettenreichtum als Schauspieler gleich doppelt unter Beweis stellen. Auch das restliche Ensemble überzeugt auf ganzer Linie.
Mendonças Drehbuch gelingt wiederum das Kunststück, selbst Nebenfiguren so geschickt einzuflechten, dass sie nie zu blossen Statist*innen verkommen. Jede Figur, selbst mit wenig Auftrittszeit, kommt mit einer spürbaren Tiefe daher, was dem Film als Ensemblestück eine beeindruckende Gravitas verleiht.

Tânia Maria in «The Secret Agent» / © trigon-film
«Ein Film, dem man jeden Preis gönnen mag.»
«The Secret Agent» hat verdient zahlreiche Preise gewonnen: Bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 erhielt er unter anderem die Auszeichnungen für den besten Hauptdarsteller und die beste Regie. 2026 war der Film in drei Golden-Globes-Kategorien nominiert, gewann die Trophäe für den besten internationalen Film und ging sogar als erster brasilianischer Film überhaupt in der Kategorie «Bestes Drama» ins Rennen. Bei den Oscars war er gleich viermal nominiert. Ein Film, dem man jeden Preis gönnen mag.
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Filmfakten: «The Secret Agent» («O Agente Secreto») / Regie: Kleber Mendonça Filho / Mit: Wagner Moura, Tânia Maria, Carlos Francisco, Udo Kier / Brasilien, Frankreich, Deutschland, Niederlande / 161 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Trigon-Film
Mit «The Secret Agent» gelingt Kleber Mendonça Filho ein ungemein atmosphärisches und vielschichtiges Politdrama, das unberechenbar und spielfreudig politische Repression behandelt.











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