Dass sich Alltag und Fantasie auch nach 16 Jahren Beziehung vermischen können, zeigt die bittersüsse kanadische Komödie «Folichonneries»: Hier wollen sich die Eltern zweier Töchter sexuell neu entdecken, indem sie ihre Beziehung nach aussen hin öffnen. Das Experiment, sich in erotische Abenteuer mit anderen Menschen zu stürzen, birgt so manche Tücken, denen das Paar mit feinsinnigem Humor und einer naiven Unbeholfenheit begegnet, um die intime Näher zueinander wiederzufinden. Ob das wirklich gelingt?
Am Anfang hört man ein Paar über deren offene Beziehung und die damit verbundenen Vorteile reden. Die Kamera ist aber auf François (Regisseur Eric K. Boulianne) und Julie (Catherine Chabot) gerichtet, die zuerst fasziniert und gespannt zuhören, um dann ihre Weingläser immer fester zu umklammern und zu kleinen Flunkereien greifen, um über ihr eigenes zum Erliegen gekommenes Sexleben zu sprechen. Wenn Julie ihrem Arbeitskollegen erzählt, dass der letzte Sex drei Wochen zurückliegt, erfährt der Kollege von François, dass es drei Monate waren.
Dazwischen liegt der Alltag mit den zwei kleinen Töchtern, der zwar gut funktioniert, aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass sich die beiden als Paar abhandengekommen sind und sich in Tagträume und kleine Selbstlügen flüchten. Profile auf diversen Dating-Apps sind schnell erstellt, Regeln für die ausserehelichen (Sex-)Beziehungen vereinbart und die abenteuerliche Reise in die unentdeckten Fantasien kann beginnen. Wohin diese führt, wird in sechs Kapiteln erzählt.

Eric K. Boulianne und Catherine Chabot in «Folichonneries» / © Frenetic Films AG
Mal komisch, mal melancholisch zeigt «Folichonneries», wie schwer es ist, Nähe zuzulassen, wenn das Selbstbewusstsein fehlt. François versteckt seine Depression hinter seinen angeblichen Long-COVID-Symptomen, Julie kann sich beim Sex mit einem anderen Paar nicht gehen lassen. Auf der Suche nach dem gemeinsamen erotischen Kick scheint immer jemand zu kurz zu kommen; versteckte Eifersucht bleibt eben doch nicht aus. Wo anfangs noch diskutiert und lebhaft gestritten wurde, wo die Ketten für die Fesselspiele im Baumarkt gekauft und die Kinder über das neue Beziehungsprinzip unterrichtet wurden, driften die Sexvorstellungen immer weiter auseinander. Die Tragik der zunehmenden Entfremdung zeigt sich subtil, in kleinen Gesten, Blicken und Momenten des Schweigens.
«Humor und Schmerz fliessen ineinander, und doch scheint es stellenweise so, als müsste die Spannung durch Eric K. Bouliannes überfrachtete Dialoge entschärft werden.»
Humor und Schmerz fliessen ineinander, und doch scheint es stellenweise so, als müsste die Spannung durch Eric K. Bouliannes überfrachtete Dialoge entschärft werden: Der Sex wird wegdiskutiert. Selbst die Töchter im Grundschulalter reden fleissig mit, als müssten sie den Eltern beibringen, wo es langgeht – weil diese nicht mehr in der Lage sind, sich wie Erwachsenen zu benehmen. Die beiden Protagonist*innen pendeln zwischen ihren Wünschen und der Realität hin und her, weil sie im echten Leben nicht das finden, wonach sie sich sehnen. Und dabei lernen sie, wie schmerzhaft Nähe und Ehrlichkeit sein können, wenn man sich ihnen stellt und nicht davor flüchtet.
Schon Kyle Marvin und Michael Angelo Covino versuchten 2025, Polyamorie komödiantisch umzusetzen. «Splitsville» erzählt eine ähnliche Geschichte wie «Folichonneries»: Ein Paar empfiehlt dem anderen eine offene Beziehung, wobei es trotz Abmachungen und Regeln zu komplizierten Situationen kommt. Zeitweise recht überdreht und mit weniger Tiefe konzipiert, handelt auch dieser Film von Menschen, die zu viel wollen und daran scheitern.

Florence Blain Mbaye und Catherine Chabot in «Folichonneries» / © Frenetic Films AG
«Nicht aus Exzentrik, sondern aus Verletzlichkeit entsteht eine verspielte emotionale Achterbahnfahrt.»
Bouliannes Ansatz ist neben dem typisch frankokanadischen Humor dann doch eher poetisch – und er und Catherine Chabot überzeugen mit ihrer authentischen Darstellung als Paar, Eltern, Liebende und auch als herumalbernde Freund*innen und Lebensmenschen. «Folichonneries» sorgt mit warmen Farben, intimen Nahaufnahmen und natürlicher Lichtsetzung für gelungene visuelle Übergänge von Alltagssituationen zu den inneren Wünschen der Figuren. Nicht aus Exzentrik, sondern aus Verletzlichkeit entsteht eine verspielte emotionale Achterbahnfahrt mit zwei Menschen, die sich lieben, aber deren Bedürfnisse sich in verschiedene Richtungen entwickeln.
–––
Kinostart Deutschschweiz: 7.5.2026
Filmfakten: «Folichonneries» / Regie: Eric K. Boulianne / Mit: Eric K. Boulianne, Catherine Chabot, Florence Blain Mbaye, Étienne Galloy / Kanada / 101 Minuten
Bild-und Trailerquelle: Frenetic Films AG
Mit Charme, Witz und etwas Melancholie beweist Eric K. Boulianne in «Folichonneries», dass eine offene Beziehung ganz anders sein kann, als wir es uns vorstellen.










No Comments