Mit Monobraue, Tischtennisschläger und einem grossen Traum erobert Timothée Chalamet aktuell die Kinoleinwand. Als aufstrebendes – und ausgesprochen narzisstisches – Pingpong-Talent versucht «Marty Supreme» das, was der Kassenschlager «Challengers» bereits mit Tennis vorgemacht hat: eine bekannte, aber lange unterschätzte Sportart aus der popkulturellen Randzone ins Rampenlicht zu holen – cooler Anstrich inklusive.
Dass die enorme Aufmerksamkeit rund um die neueste Hauptrolle von Timothée Chalamet («Dune»,«A Complete Unknown») weit über Tischtennis hinausgeht, überrascht kaum. Gäbe es einen offiziellen Award als «Hollywood It-Boy», hätte Chalamet ihn längst in der Tasche. Seit seinem Durchbruch in «Call Me by Your Name» (2017) scheint alles zu Gold zu werden, was er anfasst. Um seine Person ranken sich ebenso viele Popmythen wie angesehene Filmprojekte – vom angeblichen Rapper-Alter-Ego «EsDeeKid» bis zur Beziehung mit Kardashian-Mogulin Kylie Jenner. Läuft bei ihm, würde man neudeutsch sagen.
Auch dieses Jahr könnte für Chalamet kaum besser beginnen. Mit «Marty Supreme» landet der Publikumsliebling schon seinen nächsten Volltreffer: Fans feiern ihn frenetisch, der offizielle Merch verkauft sich wie warme Semmeln, die Marketingstrategie mit dem viralen Zoom-Call ist aufgegangen. Ein Golden Globe als bester Hauptdarsteller sowie eine Oscarnomination in der gleichen Kategorie setzen dem Ganzen die Krone auf. Bleibt die Frage: Ist der Film selbst so «Supreme» wie sein Star oder lebt er vor allem von dessen allgegenwärtiger Präsenz?

Timothée Chalamet in «Marty Supreme» / © 2025 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved.
Inspiriert von der amerikanischen Tischtennislegende Marty Reisman erzählt «Marty Supreme» die Geschichte des jungen Marty Mauser. Talentiert, ehrgeizig und alles andere als bescheiden schlägt er sich in den 1950er Jahren als Schuhverkäufer in Lower Manhattan durchs Leben. Er ist gut in seinem Job, führt mit der gleichaltrigen Rachel (Odessa A’zion) eine Affäre, doch so richtig glücklich macht ihn das alles nicht. Denn tief in ihm brennt schon lange ein Traum: der grosse Durchbruch bei den British Open und die Vision, Tischtennis in den USA populär zu machen – selbstverständlich mit ihm als Aushängeschild.
Das einzige Problem: Ihm fehlt ausser Talent so ziemlich alles, was er dafür braucht – Geld, familiäre Unterstützung, Sponsorenverträge und erst recht ein offizielles Management. Statt in der glamourösen Welt des Profisports zu glänzen, kämpft er sich mit seinem Kumpel Wally (gespielt von US-Rapper Tyler, the Creator alias Tyler Okonma) durch muffige Trainingshallen, muss als Pausenclown für die Harlem Globetrotters herhalten und trifft überall auf Konkurrenz, die ihn nicht ernst nimmt. So auch auf den schwerreichen Unternehmer Milton Rockwell (Kevin O’Leary) und dessen Ehefrau Kay Stone (Gwyneth Paltrow), einst eine gefeierte Filmdiva. Mit jeder Menge Charme und ohne jeglichen Skrupel überredet er sie zu einem riskanten Deal, der ihn beinahe alles kostet, was ihm lieb ist.
«Immer, wenn man denkt, der Höhepunkt sei erreicht, folgt die nächste Überraschung.»
Wer «Marty Supreme» als klassischen Sportfilm abstempelt, hat ihn entweder nicht gesehen oder unterschätzt ihn bewusst. Trotz zahlreicher spektakulärer Duellszenen an der Tischtennistplatte rückt das Pingpong in vielen Teilen des zweieinhalbstündigen Films fast in den Hintergrund. Stattdessen regiert das Chaos um die Handlung herum, und das macht das Ganze erst so richtig lebendig: Vom Racket-Spanking im Luxushotel über wilde Schiessereien bis zu einem tischtennisspielenden Walross ist alles mit dabei – und immer, wenn man denkt, der Höhepunkt sei erreicht, folgt die nächste Überraschung.
Für das Publikum mag das enorm kurzweilig und unterhaltsam sein; gleichzeitig ist es aber auch die grösste Schwäche im neuen Werk von Josh Safdie («Uncut Gems»). In fast schon schwindelerregendem Tempo springt die Handlung von A nach B und kreiert dabei ständig neue Stränge, die vereinzelt in einer unbefriedigenden Sackgasse enden. Manche spannende Figuren, etwa Martys Mutter (Fran Drescher), tauchen nur kurz auf, um sofort wieder zu verschwinden. Andere wiederum erhalten viel zu viel Raum, obwohl sie inhaltlich wenig zur Geschichte beitragen. Kurz gesagt: Der Fokus, der gerade beim Tischtennis so essenziell ist, fehlt komplett. Und wie auch Marty möchte der Film letztlich einfach zu viel auf einmal.

Timothée Chalamet und Tyler Okonma in «Marty Supreme» / © 2025 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved.
Heisst das nun, dass «Marty Supreme» sein Ziel komplett verfehlt? Im Gegenteil. Irgendwie passt das wirre Storytelling zu den absurd hohen Ambitionen des Protagonisten – und wer sich mit einer Tüte Popcorn zurücklehnt und darauf einlässt, verbringt eine grandiose Zeit. Viel lohnender ist es ohnehin, sich auf das bemerkenswerte Schauspiel der Hauptakteur*innen zu konzentrieren. Timothée Chalamets facettenreiches Talent ist unbestreitbar, seine Verkörperung von Marty Mauser punktgenau. Trotz des unübersehbaren Narzissmus schafft er es, das Publikum mit Charme und Schalk auf seine Seite zu ziehen – und schliesslich sogar zum Mitfiebern zu bringen. Besonders im Dreieck mit TV-Persönlichkeit Kevin O’Leary (bekannt aus «Shark Tank») und Gwyneth Paltrow («Shakespeare In Love», «Iron Man») macht das grossen Spass: ein raffiniert geschriebenes Pingpongspiel aus frechen Sprüchen und immer wieder herrlich grotesken Wortwechseln.
«Viel lohnender ist es ohnehin, sich auf das bemerkenswerte Schauspiel der Hauptakteur*innen zu konzentrieren.»
Ein weiterer cleverer Schachzug ist die zurzeit sehr angesagte und stilvolle Retro-Inszenierung. Wenn Sepiatöne die Netzhaut küssen und Marty schweissgebadet immer wieder seine chromgefasste Brille richtet, schlagen Hipsterherzen höher. Ausstattung, Kostüme und Kameraarbeit fangen den Charakter der Fünfzigerjahre mit einem Augenzwinkern ein, ohne in Nostalgiekitsch zu verfallen oder altbacken zu wirken. Vielmehr unterstreicht die visuelle Handschrift die überdrehte Energie des Films, sodass jeder Moment – vom Turnier bis zur Verfolgungsjagd – einer perfekt choreografierten Explosion gleicht. Das Tüpfelchen auf dem i sind geschickt platzierte Achtzigerjahre-Evergreens von Tears for Fears, New Order und Co., die zeitlich zwar keinen Sinn ergeben, aber trotzdem überraschend gut passen.

Gwyneth Paltrow in «Marty Supreme» / © 2025 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved.
«‹Marty Supreme› ist eine Wucht und hat grosses Potenzial, die breite Masse zu begeistern – vielleicht sogar so sehr, dass er sich zum Kultfilm von morgen (Marty-)mausert.»
Was Josh Safdie und sein Team geschaffen haben, wird das Kino also nicht revolutionieren, aber auf jeden Fall bereichern. «Marty Supreme» ist eine Wucht und hat grosses Potenzial, die breite Masse zu begeistern – vielleicht sogar so sehr, dass er sich zum Kultfilm von morgen (Marty-)mausert. Darum würde es nicht überraschen, wenn es nach den Golden Globes Anfang Jahr noch weitere Preise regnet. Fest steht: Dieses Stück Unterhaltung wird garantiert für Gesprächsstoff sorgen – und einmal mehr die interessante Frage aufwerfen, wie weit man gehen soll, um seine Träume zu verwirklichen.
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Kinostart Deutschschweiz: 26.2.2026
Filmfakten: «Marty Supreme» / Regie: Josh Safdie / Mit: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Kevin O’Leary, Tyler Okonma, Fran Drescher, Abel Ferrara / USA / 150 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Ascot Elite Entertainment
«Marty Supreme» hat das Zeug zum Kultfilm und gleicht einem fesselnden Tischtennis-Match: schlagfertig, schweisstreibend – und stellenweise fast ein bisschen zu rasant.










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