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«Dossier 137» von Dominik Moll

Von Pascal Gut · On Mai 28, 2026


In Dominik Molls «Dossier 137» muss Léa Drucker als aufrechte Beamtin im Zuge der monatelangen Gelbwestenproteste im Falle eines schwer verletzten Demonstranten gegen die eigenen Kollegen ermitteln. Eine schier aussichtslose Spurensuche beginnt, in deren Verlauf sie selbst zwischen die Fronten gerät und dabei an ihre eigenen Grenzen stösst.

Paris im Dezember 2018: Die Gelbwestenproteste auf den Strassen von Paris befinden sich auf ihrem Höhepunkt. Die Polizistin Stéphanie Bertrand (Léa Drucker) und ihr Kollege Benoît Guérini (Jonathan Turnbull), Beamte der internen Abteilung, der Inspection générale de la police nationale (IGPN), haben alle Hände voll zu tun, um der Flut von Beschwerden gegen Beamt*innen nachzukommen, die in jenen chaotischen Nächten auf der Strasse im Einsatz sind.

Dann landet eines Tages das titelgebende Dossier 137 auf Stéphanies Schreibtisch: Ein junger Mann namens Guillaume Girard (Côme Péronnet) hat während einer Protestnacht eine schwere Schädelverletzung erlitten, nachdem er von einem Hartgummigeschoss am Kopf getroffen wurde. Seine Mutter Joëlle (Sandra Colombo) will, dass der Beamte, der ihrem Sohn das angetan hat, zur Rechenschaft gezogen wird. Die Familie stammt aus Saint-Dizier, einer vom industriellen Niedergang gezeichneten Kleinstadt im Osten Frankreichs, an dem Stéphanie selbst aufgewachsen ist und an dem ihre Eltern (Geneviève Mnich und Christian Sinniger) noch immer leben.

Für viele von Stéphanies Kollegen ist die Sache klar: Beim Verletzten handelt es sich um einen Krawallmacher, der mit seiner Familie eigens nach Paris gefahren ist, um an den Ausschreitungen teilzunehmen – Ausschreitungen, bei denen rechtschaffene Beamt*innen in Ausübung ihres Dienstes ständig ihre Gesundheit riskieren und sich Anfeindungen und Angriffen aussetzen.

Léa Drucker und Jonathan Turnbull in «Dossier 137» / © Filmcoopi

Stéphanie ist es gewohnt, mit ihrer Arbeit zwischen den Fronten zu stehen. Es ist ihr Job, gegen die eigenen Leute zu ermitteln; zugleich versteht sie deren Lage und weiss, welchen Belastungen sie täglich ausgesetzt sind. Aber sie hat in ihrer Laufbahn eben auch genug Fälle erlebt, in denen Polizist*innen übermässige Gewalt angewendet haben, und sie ist überzeugt, dass diese Grenzüberschreitungen verfolgt werden müssen – eine Haltung, die viele ihrer Kolleg*innen nicht teilen und für die sie immer wieder angefeindet wird. Nicht zuletzt von ihrem Ex-Mann Jérémy (Stanislas Merhar), mit dem sie einen gemeinsamen Sohn (Solàn Machado-Graner) hat und dessen neue Freundin ebenfalls bei der Polizei ist. Doch die Ermittlungen im Dossier 137 bringen selbst die so erfahrene Stéphanie zunehmend an ihre Grenzen.

Um der Wahrheit hinter dem Dossier auf den Grund zu gehen, beginnt eine mühsame, kleinteilige Ermittlungsarbeit. Stéphanie spricht mit Freund*innen und Verwandten des Opfers, mit Beamt*innen, die in jener Nacht im Einsatz waren, und sichtet stundenlang Überwachungs- und Handyvideos – Puzzleteile, aus denen sie ein möglichst klares Bild dessen zusammenzusetzen versucht, was beim Vorfall wirklich geschehen ist. Je klarer sich das Bild vor Stéphanies Augen zusammensetzt, desto mehr gerät sie von allen Seiten unter Beschuss: Guillaumes Freund*innen und Familie glauben, sie wolle ihre Kolleg*innen decken; ihre Kolleg*innen halten sie für eine Verräterin, welche die eigenen Leute fertigmachen will.

«Die minutiöse, fast schon trockenen Detektivinnenarbeit am Bildschirm, bei der mit CCTV- und Kartenmaterial Stück für Stück rekonstruiert wird, hebt Molls glaubwürdige Inszenierung besonders hervor.»

Das Drehbuch, das «La Nuit du 12»-Regisseur Dominik Moll und Autor Gilles Marchand gemeinsam verfasst haben – das Duo hinter «Harry, un ami qui vous veut du bien» (2000) «Lemming» (2005) –, ist zwar fiktiv, speist sich aber aus realen Fällen rund um die Gelbwestenproteste. Die minutiöse, fast schon trockenen Detektivinnenarbeit am Bildschirm, bei der mit CCTV- und Kartenmaterial Stück für Stück rekonstruiert wird, hebt Molls glaubwürdige Inszenierung besonders hervor. Wie bei einem Puzzle fügt sich erst nach und nach eine Lage zusammen, die eine Beurteilung des Vorfalls erlaubt – und es ist gerade dieser Prozess und die Art, wie Moll das Publikum daran teilhaben lässt, die zu den grossen Stärken von «Dossier 137» gehören.

Auch wenn die Polizeiarbeit im Zentrum steht, handelt es sich hierbei aber weniger um einen Krimi als vielmehr um eine Studie über Polizeigewalt und die ihr zugrunde liegenden strukturellen Probleme – und über eine Gesellschaft, deren Gräben immer tiefer aufzureissen drohen. Moll inszeniert das alles kühl, fast dokumentarisch, was dem authentischen Anspruch des Stoffs zugutekommt. Damit beisst sich allerdings die teils sehr einseitige, fast schon klischeehafte Zeichnung der Nebenfiguren, die eher als Prototypen ihrer Milieus fungieren denn als komplexe Menschen. Das zeigt sich auch in vielen Dialogen, die oft die Standpunkte einer Debatte herunterbeten, statt Figurentiefe zu erzeugen.

Léa Drucker in «Dossier 137» / © Filmcoopi

«Léa Drucker verleiht der Figur eine Tiefe, die das Drehbuch allein nicht zustande bringt.»

Was den Film davor bewahrt, ganz ins Plakative abzugleiten, ist zum einen die präzis-schnörkellose Inszenierung, zum anderen aber vor allem aber das Spiel von Léa Drucker («Incroyable mais vrai», «Close»). Zwar ist auch ihre Figur überdeutlich als die aufrechte alleinerziehende Mutter mit Gerechtigkeitssinn und Mut angelegt, und man hätte sich auch hier durchaus etwas mehr Ambivalenz gewünscht. Doch Drucker spielt gegen diese Konzeption an: Kontrolliert und zurückgenommen, lässt sie hinter Stéphanies Beherrschung eine wachsende Ausgelaugtheit durchscheinen. So verleiht sie der Figur eine Tiefe, die das Drehbuch allein nicht zustande bringt. Drucker ist der Anker, der diesen sonst kühlen, fast spröden Film über die ganze Distanz trägt und dafür sorgt, dass er gegen Ende  seine aufwühlende Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt. Zu loben ist schliesslich auch Molls Mut, die Geschichte konsequent zu Ende zu erzählen, ohne sich Genrekonventionen oder dem Bedürfnis nach einer klaren, befriedigenden Auflösung zu beugen.

–––

Kinostart Deutschschweiz: 21.5.2026.

Filmfakten: «Dossier 137» /Regie: Dominik Moll / mit: Léa Drucker, Jonathan Turnbull, Mathilde Roehrich, Guslagie Malanda / Frankreich / 116 Minuten

Bild- und Trailerquelle: Filmcoopi

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«Dossier 137» von Dominik Moll
Pascal Gut
Mai 28, 2026
7/10
Dank einer starken Hauptdarstellerin und einer präzisen Inszenierung verfehlt Dominik Molls «Dossier 137» trotz eines allzu plakativen Drehbuchs seine aufwühlende Wirkung nicht.
7 Overall Score
Fog of War

Dank einer starken Hauptdarstellerin und einer präzisen Inszenierung verfehlt Dominik Molls «Dossier 137» trotz eines allzu plakativen Drehbuchs seine aufwühlende Wirkung nicht.

2025Case 137Dominik MollDossier 137DramaFrankreichGuslagie MalandaJonathan TurnbullKrimiLéa DruckerMathilde Roehrich
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Pascal Gut

Film ist meine Leidenschaft. Und das Schreiben. Mein Debüt-Roman "Zürcher Finsternis" erschien im Oktober 2014 im Emons Verlag.

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