Trotz des verhaltenen finanziellen Erfolgs seiner letzten Eskapade, vertraut die Hollywood-Maschinerie Ari Aster erneut einen Blankoscheck an: ein Budget von 25 Millionen Dollar und keinerlei sonstige Einschränkungen. Jenes sagenumwobene Versprechen, das andere normalerweise erst nach einer Oscarnomination bekommen, resultiert in «Eddington» in ein fiebriges COVID-Märchen und den vielleicht ersten wirklich modernen Western.
Die Kulisse ist die fast schon geisterhaft-verschlafene fiktive Kleinstadt Eddington im Herzen New Mexicos. Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) manövriert sich im Mai 2020 mit Unbehagen durch die COVID-Pandemie und die neuen Verhaltensregeln. Als Sheriff soll er ausführen, was von Staat und Stadt, allen voran aber dem aalglatten opportunistischen Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), festgelegt und scheinheilig vorgelebt wird: Masken, Social-Distancing, Lockdown. Zu Hause lebt er mit seiner psychisch angeschlagenen Frau Louise (Emma Stone) und ihrer verschwörungstheoretisierenden Mutter Dawn (Deirdre O’Connell), die seit einem Besuch nicht mehr ausziehen will.
Joe entscheidet sich in einem Anflug von ideologischem Grössenwahn, befeuert von TikTok, Instagram und anderen Silicon-Valley-Grössen, selbst als neuer Bürgermeister zu kandidieren. Das Netz und seine Memes, seine Rechtsradikalen, seine «Woke-Mobs» sind in Eddington allgegenwärtige Zeitgenoss*innen, verführen die Figuren zu paranoidem Verfolgungswahn und manifestieren sich als digitale Staubwolken dieses neuen Wilden Westens.

Joaquin Phoenix in «Eddington» / © 2025 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved./A24
In der Autorenkachel meint man fast, Trey Parker und Matt Stone aufblitzen zu sehen. Ein Kaff, diverse Karikaturen aus dem Twitter- und Reddit-Kosmos und groteske Zuspitzungen des politischen Amerikas. «Eddington» erinnert an eine Folge von «South Park» (1997– ), besonders an dessen Pandemie-Specials. Aber wo Parker und Stone eine Pointe setzen und auf witzige Weise entlarven, fühlt sich Asters Zeichnung doch eher wie ein Schlag auf den Hinterkopf an. Was man am Anfang noch mit eigener Meinung kommentieren und kombinieren kann, verwandelt sich über den Film hinweg immer mehr zu einem Delirium über Politik und Zusammenleben. Am Schluss will man nur, dass sich alle wieder normal benehmen, ganz in Erinnerung an die echte Pandemie. Bemerkenswert: Genau diese wirkt hier, bei aller Skurrilität, fast schon fiktiv, obwohl einem in jedem Moment der zweieinhalb Stunden Laufzeit zahlreiche kleine Déjà-vus heimsuchen.
Nicht zuletzt deshalb ist «Eddington» wohl Asters zugänglichstes Werk bisher. Im Vergleich zum Vorgänger «Beau Is Afraid» (2023) ist der Film fast schon kohärent. In Asters Kino waren die Geschichten bislang nicht halb so interessant – oder wichtig – wie der Zustand, den dieses beim Publikum erzeugt. Wo «Midsommar» (2019) sich anfühlt, als würde man auf einem Drogentrip ausbluten, und «Beau Is Afraid» einer endlosen Panikattacke gleichkommt, macht «Eddington» den Anschein, als läge man mit 40 Grad Fieber in der Wüste von New Mexico, während einem jemand ununterbrochen politische Parolen ins Ohr brüllt. Angenehm ist das nicht, aber wenn die Kunst des Bewegtbildes in der Lage ist, Unbehagen derart körperlich spürbar zu machen, ist das nichts weniger als beeindruckend.
«‹Eddington› fühlt sich so an, als läge man mit 40 Grad Fieber in der Wüste von New Mexico, während einem jemand ununterbrochen politische Parolen ins Ohr brüllt.»
Die Definition des Westerns plagt die Filmgeschichte schon seit jeher, doch «Eddington» hakt die meisten Bedingungen für die Genre-Zuordnung ab. Wo individuelle Machtansprüche kollidieren und Ordnung fragil ist, versteht die Westernhandlung Gewalt als letzte Order. Der Film spielt in der Gegenwart, aber die Themen lassen sich mühelos in die Tradition des Westerns übersetzen, nicht zuletzt mithilfe des Pandemiemotivs. Ein am Horizont aufragendes Datencenter à la Tesla, Amazon oder OpenAI übernimmt eine ähnliche Rolle wie das Aufkommen der Eisenbahn in «Once Upon a Time in the West» (1968): Es steht für den unausweichlichen, nicht nur positiven Fortschritt und dessen Zerstörung von bestehenden Strukturen. Trotz moderner Rahmenbedingungen bleibt die Westernlogik also gleich. Unterschiedlicher könnten die beiden Filme aber trotzdem nicht sein, und das ist mitunter auch die Stärke dieses Genres. Mit Kameramann Darius Khondji («The Lost City of Z», «Uncut Gems») hat Aster hier zudem eines der bekanntesten Augenpaare im Kino-Business aufgeboten – und dieser versteht es bestens, den staubigen Western-Look auf Zelluloid umzusetzen. (Digitale Aufnahmen wären hier unstimmig gewesen.)

Emma Stone in «Eddington» / © 2025 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved./A24
Asters Handschrift lockt derweil etliche andere kontemporäre Hollywood-Grössen an: Joaquin Phoenix, Emma Stone und Austin Butler, der als Manson-artiger Sektenführer leider zu wenig Screentime bekommt, lassen nichts zu wünschen übrig. Das Ensemble ist stimmig und auch Pedro Pascal («The Last of Us») kann sich in einer grösseren Rolle in einem waschechten Genrefilm ganz gut beweisen – hinkt Phoenix aber doch noch etwas hinterher. Erstaunlich wiederum ist Micheal Ward («Lovers Rock», «Empire of Light»), der in seiner kurzen Rolle als junger Polizist mit seinen prominenten Drehpartner*innen problemlos mithalten kann. Ihm gegenüber steht in diversen Szenen die deutsche Schauspielerin Amélie Hoeferle, die als liberale Moralapostelin wunderbar auf die Nerven geht.
«Aster zeigt also erneut, dass er das Kino als erfahrbares Erlebnis versteht.»
Aster zeigt also erneut, dass er das Kino als erfahrbares Erlebnis versteht. «Eddington» ist ein zeitgenössisches Genre-Kaleidoskop aus Horror, Komik und gesellschaftlicher Satire, die vor allem in in der Westernthematik aufblüht und sich nicht scheut, die schizophrene Brutalität zu zeigen, die in den neuen Zwanzigerjahren oft vom Internet in die Realität umschlägt. Der Film wirkt nie sauber oder glatt poliert, der fehlende Perfektionismus äussert sich aber im besten Fall in einer treibenden, elektrisierenden Intensität.
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Kinostart Deutschschweiz: 18.12.2025
Filmfakten: «Eddington» / Regie: Ari Aster / Mit: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, Deirdre O’Connell, Austin Butler, Micheal Ward, Luke Grimes / USA / 149 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Ascot Elite/A24
Das Politvirus im Staube New Mexicos: Wie auch immer Ari Aster seine Traumata ablädt, wir schauen gebannt zu – auch in «Eddington».










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