«To be or not to be» sind wohl die berühmtesten Worte der englischen Sprache, gesprochen vom jungen dänischen Prinzen und Namensgeber des Theaterstücks «Hamlet». Auch der Film «Hamnet» kreist um Tod, Trauer und die Frage nach dem Sein. Doch anders als man vielleicht erwarten würde, erzählt Chloé Zhao nicht von der Entstehung eines Meisterwerks, sondern von einer Familie, die einen unvorstellbaren Verlust erlebt.
Stratford um das Jahr 1580: ein kleines Städtchen einen Tagesmarsch von London entfernt. Trotz der relativen Nähe zur Metropole spürt man hier nichts Mondänes. Die Häuser stehen dicht an dicht, gebaut aus dicken, dunklen Balken. Zwischen ihnen verlaufen keine gepflasterten Strassen, sondern festgetretene Erde, die sich bei Regen in schlammige Rinnen verwandelt. Holzscheite stapeln sich vor Türen, Kräuter trocknen an Fensterläden, aus Schornsteinen steigt Rauch empor. Hühner laufen frei herum, Hunde streifen durch die Gassen, irgendwo schlägt ein Schmied auf glühendes Eisen. Stratford ist ein einfacher Ort, ein ruhiger Ort, und doch der Ort, der den grössten Schriftsteller der Welt hervorbringen sollte: William Shakespeare.
Hier ist Will, gespielt von Paul Mescal («Aftersun», «All of Us Strangers»), geboren und aufgewachsen. Er unterrichtet Bauernsöhne in Latein – eine Aufgabe, die ihn sichtlich frustriert. Viel interessanter ist für ihn der Blick aus dem Fenster: auf Agnes, eine junge Frau, von der es heisst, sie sei die Tochter einer Waldhexe. Agnes, gespielt von Jessie Buckley («I’m Thinking of Ending Things», «Men»), wirkt tatsächlich anders als die Menschen um sie herum: Immer wieder zieht es sie in den Wald, wo sie dem Rauschen des Windes lauscht, begleitet von einem Raubvogel, zu dem sie eine fast schon magische Verbindung zu haben scheint. Sie nimmt Dinge wahr, die anderen verborgen bleiben; sie hört die Natur und spürt ihre Kraft. Auch als Will ihr erstmals gegenübersteht, scheint sie mehr über ihn zu wissen als er selbst. Die beiden verlieben sich und heiraten rasch.

Jessie Buckley und Paul Mescal in «Hamnet» / © 2025 FOCUS FEATURES. A COMCAST COMPANY.
Was folgt, ist weniger die Erzählung eines künftigen Genies als das leise Porträt einer Ehe, die sich gegen die Eingrenzungen ihrer Zeit stemmt. Eine Geschichte zweier Menschen, die ein gemeinsames Leben aufbauen wollen, während die Welt ihnen wenig Raum lässt. Als die Zwillinge Judith und Hamnet geboren werden, verschiebt sich der Fokus beinahe unmerklich: weg von der Liebesgeschichte, hin zur Frage, wie eine Familie in einer Zeit lebt, in der Krankheit und Tod ständige Begleiter sind.
Regisseurin Chloé Zhao («The Rider», «Nomadland») hält mit der Kamera lange auf Gesichter, auf Hände, auf die Landschaft, als wolle sie festhalten, was unweigerlich verloren gehen wird. Denn der Film steuert mit bedachter Langsamkeit auf jenen Einschnitt zu, der diese Familie zerbrechen wird: den frühen Tod des elfjährigen Hamnet.
«Eine Geschichte zweier Menschen, die ein gemeinsames Leben aufbauen wollen, während die Welt ihnen wenig Raum lässt.»
Ein schrecklicher Tod und ein schmerzlicher Abschied: Agnes ringt mit aller Kraft um das Leben ihres Sohnes, doch ihr Kampf bleibt vergebens. Der Film zwingt das Publikum in die Rolle der stummen Zeug*innen. Ohne melodramatische Gesten zeigt sich ein Unglück. Die Trauer liegt schwer im Raum – bis sie von einem Urschrei der Mutter durchbrochen wird, die begreift, dass ihr Kind tot ist.
Die Welt hält den Atem an. Ein feiner Riss zieht sich durch die Familie, ein Nachzittern des Verlusts, das nicht weichen will. Agnes zieht sich in die Natur zurück, in das Reich, das ihr schon immer Verständnis entgegenbrachte. Will dagegen flieht nach London, ins laute Treiben des Theaters, als könnte künstlerische Arbeit den Schmerz überlagern. Zhao benötigt keine grosse Dramatik, um zu zeigen, wie ein Kind nicht nur aus einem Leben, sondern aus einer Ehe verschwindet.

Jessie Buckley in «Hamnet» / © 2025 FOCUS FEATURES. A COMCAST COMPANY.
Langsam deutet sich an, dass Will seinen Schmerz in eine andere Form überführt: ins Schreiben. «Hamnet» interessiert sich nicht für den dramaturgischen Entstehungsprozess von «Hamlet», sondern für den möglichen emotionalen Ursprung davon. Der Tod des Sohnes legt sich wie ein Schatten über das Werk und ist zugleich die Kraft, die es erst möglich macht.
Stilistisch schwankt der Film zwischen idyllischem Cottage-Core und einer dunklen Emotionalität: liebevoll komponierte Bilder, warme Farben, ein ländliches Idyll, das an eine weichere Welt erinnert. Doch unter dieser Schönheit liegt ein dunkler Strom aus stiller Verzweiflung, tiefem Leid, das fast schon «trauma porn» genannt werden könnte. Das Familienglück und seine Zerbrechlichkeit stehen untrennbar nebeneinander; die Figuren bewegen sich durch eine Welt, die zugleich tröstet und verletzt.
«Stilistisch schwankt der Film zwischen idyllischem Cottage-Core und einer dunklen Emotionalität.»
Getragen wird dieses Leid vor allem von den beiden Hauptdarsteller*innen. Paul Mescal, ohnehin am stärksten, wenn er leidet, zeigt hier eine seiner nuanciertesten Performances: ein inneres, wortloses Beben. Jessie Buckley dagegen spielt Agnes mit einer Intensität, die bisweilen an manische Klarheit grenzt – eine Frau, die in ihrer Trauer beinahe den Verstand verliert. Nicht zufällig gilt Buckley schon jetzt als heisse Oscarkandidatin.
Vielleicht ist «Hamnet» auch ein Film, in dem Chloé Zhao sogar ihr eigenes kreatives Trauma verarbeitet. Nach dem künstlerisch wie kommerziell schmerzhaften Scheitern ihres letzten Films, «Eternals» (2021) – dem vielleicht grössten Marvel-Megaflop –, wirkt «Hamnet» wie eine Rückkehr zu jener intimen, verletzlichen Filmsprache, die sie berühmt gemacht hat. Das grosse Leid, das sie hier erzählt, scheint nicht nur der Familie Shakespeare zu gehören, sondern auch der Regisseurin selbst: eine Künstlerin, die nach einem Weltmaschinen-Projekt wieder zur menschlichen Würde zurückfindet.

Jacobi Jupe und Paul Mescal in «Hamnet» / © 2025 FOCUS FEATURES. A COMCAST COMPANY.
Der Diskurs um den Film und seine Neuinterpretation von «Hamlet» ist derzeit indes in aller Munde. Manche Kritiker*innen nennen ihn die TikTok-Version des Stoffs; andere werfen Maggie O’Farrell, Autorin der Romanvorlage und Co-Autorin des Drehbuchs, vor, sie habe Agnes zu modern gezeichnet. Wieder andere kritisieren Zhao dafür, das Publikum zu manipulieren – allen voran durch den Soundtrack von Max Richter und die Verwendung von «On the Nature of Daylight», dem wohl traurigsten Musikstück des 21. Jahrhunderts. Alles valide Einwände, doch sie schwächen den Film nicht. «Hamnet» ist vor allem eine Geschichte über Trauer und ihre Bewältigung. Die Frage bleibt jedoch: Braucht diese Geschichte wirklich William Shakespeare? Wäre sie ebenso wirkungsvoll, wäre sie ebenso beachtet, wenn sie von einer namenlosen Familie erzählt würde? Es bleibt zu bezweifeln.
«‹Hamnet› will universell sein, sucht aber zugleich den Schutz des literarischen Kanons.»
Vielleicht ist genau das der wunde Punkt des Projekts: «Hamnet» will universell sein, sucht aber zugleich den Schutz des literarischen Kanons. Der Schmerz dieser Familie wirkt erst durch die historische Aufladung weitreichend. Doch das schmälert seine eigene emotionale Kraft nicht. Der Film zeigt offen, wie Kunst aus Biografien entsteht, aus Legenden, aus dem, was wir in Geschichten hineinlesen wollen. Letztlich ist «Hamnet» kein Shakespeare-Film, sondern eine Erinnerung daran, dass menschliche Gefühle zugleich zu den höchsten Wolken aufsteigen und in die tiefsten Abgründe stürzen können.
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Kinostart Deutschschweiz: 22.1.2026
Filmfakten: «Hamnet» / Regie: Chloé Zhao / Mit: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, David Wilmot, Noah Jupe / Grossbritannien, USA / 126 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Universal/Focus Features
«Hamnet» ist ein stiller, bildstarker Film über Trauer, Liebe und Verlust, der Shakespeare nur streift und stattdessen die zerbrechliche Familie hinter dem Mythos ins Zentrum rückt.










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